Der Luxus, als Kunde behandelt zu werden

Vor einigen Jahren war ich in noch Kunde bei einem ehrgeizigen deutschen Herrenausstatter, der italienische Modelle führt. Für etwas unter 1000 Euro bekommt man dort einen ganz netten Anzug – und das Geschäft gewährt einem sogar die für Deutschland sensationelle Möglichkeit, den Anzug nicht in der Größe nehmen zu müssen, wie er auf der Stange hängt, sondern Sakko und Hose in verschiedenen Größen zu einem Anzug zusammenstellen zu können. Das sollte eigentlich überall selbstverständlich sein – aber ich habe schon nörgelnde deutsche Verkäuferinnen und Verkäufer erlebt, die dies strikt ablehnen – "ja, wie sollen wir denn die andere Hose verkaufen?", heißt es dann, so als ob es mein Problem wäre, woher die Ladenbesitzer ihren Hosen beziehen.
Nun war ich neulich in Italien – und habe den Luxus erlebt, Kunde zu sein. Selbstverständlich konnte ich die Hose in einer anderen Größe bekommen und nicht nur das: Der Anzug Größe 50 spannte am Bauch, was er in Deutschland üblicherweise nicht tut. Nun hätte jeder Verkäufer in Deutschland gesagt: "Nein, mein Herr, es tut mir leid" – nicht so in Mailand. "Es ist kein Problem, mein Herr, das passen wir an", sagt der Geschäftsführer, und auf meinen Hinweis, dass ich am nächsten Tag nach Ungarn fliegen würde, heiß es: "Es ist kein Problem für uns, sie können den Anzug fertig umgearbeitet in zwei Stunden haben". Das war die eine Überraschung – die andere: "Oh, ich sehe es gibt ein kleines Problem mit ihrer rechten Schulter – wollen Sie, dass wir es beseitigen?"
Ich staunte Bauklötze: Es ist ein wunderbarer Luxus, wie ein Kunde behandelt zu werden – und es ist von der Art Luxus, den man in Deutschland seh selten und in Ungarn kaum jemals erleben wird. Ich bekam den Anzug übrigens nach zwei Stunden – fix und fertig, mit geändertem Sakko und Kürzung der Hose – und nur für die etwas veränderte Schulter berechneten man mir einen geringfügigen Eigenbeitrag. Bevor ich vergesse, dies zu erwähnen: Es handelte sich um einen der kleineren Couturiers, scappino in der Via Manzoni, und der Preis bewegte sich deutlich unter 1000 Euro.
Warum ich dies hier schreibe? Weil es in Deutschland bisweilen bereits zum Luxus gehört, überhaupt als Kunde wahrgenommen zu werden und nicht als Kleiderstangenabräumer.
© 2009 am Bild scappino, milano
Juli 22nd, 2009 at 23:57
Zu diesem Artikel kann ich nur sagen: Ja, Ja, Ja!!! Ich organisiere gerade meine Hochzeit mit allem drum und dran. Kleid, Restaurant, Torte und so weiter! Sollte alles nicht weiter schwierig sein, dachte ich mir. Wenn, ja wenn da nicht der Service in Deutschland wäre! Ich bin aus allen Wolken gefallen. Wenn man nicht wirklich nur das ganz “normale” haben möchte, ohne Extrawünsche, dann ist man hier als Kunde wirklich falsch. Man stelle sich vor: Lila Marzipanrosen auf der Torte. Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Die Konditorei, die “beste” der Stadt (Haha), sagte mir doch glatt: Also da wissen wir nicht, ob wir das machen können. Wir machen eigentlich nur rot!!! Was??? Und dieser Faden zieht sich durch alle Dienstleister! Niemand fühlt sich hier genötigt, dem Kunden bei Problemen, die ja auch eigentlich keine sind, zu helfen. Fürchterlich!!!